Hunger nach Bildern

03.07.20 bis 22.08.20

VERNISSAGE: 03. Juli 2020, 12-18 Uhr

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JOELLE DUBOIS (1990, Gent)
Dubois' Arbeiten beleuchten mit Ironie und Pragmatik die Kehrseiten digitaler Kultur. Die entblößenden Szenen einer Gesellschaft, die sich selber in den latent narzisstischen Selbstdarstellungen anderer reflektiert, kreisen um Sexualität, Einsamkeit und Selbstreflexion. Diesem Themenkomplex widmet sich Dubois auf eine ironische und auch komische Weise mit Leidenschaft in ihren Werken. Sie zeigt ihre Protagonisten exponiert und ungeschönt mit einem drastischen Realismus, der in der digitalen Welt oft sehr verzerrt und geschönt wird. Bei all dem ist sie selbst eine stille Beobachterin und schaut der Welt in ihrer eigenen Zurschaustellung eines eigenwilligen Perfektionismus zu. In den Bildnarrativen spielt der voyeuristische Blick auf intime Momente Wahrhaftigkeit vor, die Nacktheit der Figuren macht diese zutiefst verletzlich. Doch die allgegenwärtige Beschäftigung der gezeigten Personen mit dem Smartphone oder ähnlichen Tools lässt ihre Aura zwischen ignoranter Besessenheit und traurigster Apathie pulsieren.

JULIA JANSEN (1972, Bonn)
Julia Jansens Gemälde sind Bilder von Bildern. Durch bewusst gesetzte, sichtbare und eindeutig das malerische Medium entlarvende Pinselstriche lenkt Jansen die Aufmerksamkeit weniger auf den dargestellten Gegenstand, sondern verweist vielmehr auf die mediale Darstellungsform. Die gezeigten Motive sind schnell genannt und ohne ikonografischen Mehrwert. Stattdessen wird durch zahlreiche Variationen eines Sujets Jansens Interesse für formale Fragen spürbar. Verschwommen, wie durch ein milchiges Fenster oder einen beschlagenen Spiegel betrachtet, sind die Gegenstände, deren weiche Kontur auch an die ungenaue Fokussierung bei der Fotografie denken lässt, durch verschiedene, sich überlagernde Malweisen verfremdet. Jansens souveräne Technik lotet den schmalen Grat zwischen Sein und Schein aus. Statt den Fokus auf die sichtbare Realität und deren konkrete Erscheinungsformen zu legen, betont Jansen die Einwirkungen auf den Sehsinn und damit die mit der Vermittlung des Bildes einhergehenden Einflüsse auf die Wahrnehmung.

ANYA JANSSEN (1962, NL)
Die Frage, wie Menschen mit sich selbst und ihrer Umwelt umgehen und was ihre Entwicklung bestimmt, ist ein wiederkehrendes Thema in der Arbeit von Anya Janssen. In der Serie „Das Haus“ verzerrt Janssen eine lineare Zeiterfahrung. Sie lässt die Vergangenheit mit der Gegenwart zusammenfallen und erzählt so die Geschichte eines Hauses. Der Ort selbst ist von einer turbulenten und langen Geschichte geprägt. Janssen nahm den Gedanken an, dass Erinnerungen und Ereignisse sich an physische Orte binden, und aus dieser Perspektive hat sie die Geschichte dieses Ortes studiert. Sie möchte aufeinanderfolgende Ereignisse nicht chronologisch beschreiben, sondern sieht sie gleichzeitig vor Ort. Janssens Arbeit erzählt Geschichten durch Eindrücke. In einer Reihe von narrativen Gemälden und Zeichnungen erreicht sie eine sehr enge, direkte Beziehung zu ihrem Thema. Die gemalten Objekte, Körper und Orte erhalten eine schwelende Spannung unter der malerischen Oberfläche. Ihr akribischer Stil lässt sie leblose Objekte mit einem ausgewogenen Gefühl von Lust und Resignation erfüllen. Die gewählten Objekte haben eine Vielzahl von Bedeutungen in sich und die bloße Tatsache ihrer Existenz macht sie zu Trägern der Vergangenheit und der Zukunft. Durch die Verwendung von Verzerrung, Transparenz und einem entfremdenden Licht übersetzt Janssen die Realität und all ihre Facetten auf die Leinwand.

MICHAEL KALMBACH (1962, Landau)
Der Ausgangspunkt der aquarellierten Bildwelten Michael Kalmbachs ist eine Ansammlung unbestimmter, großflächig angelegter Kleckse. Auf feuchte Papierbögen tropft und spritzt Kalmbach in willkürlicher Manier koloriertes Wasser, wobei sich die überschüssige Flüssigkeit in Pfützen ansammelt, so dass während der Trocknung Ablagerungen von Pigmenten zu Farbinseln unterschiedlicher Intensität gerinnen. Dieser unregelmäßige, fleischfarbene Fleckenteppich ist der amorphe Nährboden, dem die Bildwelten Michael Kalmbachs entspringen. Das ungebändigte All-Over wird strukturiert, Anordnungen von physiognomischen Merkmalen und Körperteilen lassen Gesichter und Gestalten erkennbar werden.
Es entstehen märchenhaft anmutende Szenarien, von traumwandlerischen, entrückten Knabengestalten bevölkert. Ihre Figur ist oft nur angedeutet, erscheint sich durch die flüssige Kontur schemenhaft an der Oberfläche abzuzeichnen, um sogleich wieder zu verschwimmen, sich mit einer anderen Kurve zu vereinigen.

STEPHAN MELZ (1959, Basel)
Die kleinformatigen Gemälde von Stephan Melzl weisen eine exquisite Farbgebung auf, deren intensive Leuchtkraft aus einem langsamen, lasierenden Farbauftrag hervorgeht. Nach einer Entwurfszeichnung, die wie ein erstes Gerüst die Bildfläche gliedert bzw. strukturiert, gibt sich Melzl der Malerei hin, aus seiner konzentrierten Beobachtung der Schichten lichter, transparenter Farbklänge ergibt sich die Bildfindung. Melzls meisterhafte Technik macht alles möglich, sie veranlasst die einträchtige Koexistenz disparater Elemente im Bild und lässt eine Bildrealität entstehen, in der Widersprüche harmonisch erscheinen und die Logik des Traums die Handlungsebenen verdichtet. Hinter diesem schönen Schein, der alles vereinheitlicht, geht es mitunter anarchisch zu. Melzl übernimmt oft bedeutende Einzelwerke oder traditionelle Bildformeln der Kunstgeschichte und ergänzt das Zitat durch Bildmotive aus einem völlig anderen Kontext. Die Diskrepanz zwischen einer eleganten Malerei und den dargebotenen, oft skurrilen Sujets, zwischen perfekter Form und rätselhaftem Inhalt erzeugt die eigentümliche Spannung, die den Gemälden von Stephan Melzl innewohnt.

ULRICH PESTER (1980, Hannover)
Im Zentrum seines künstlerischen Handels steht die Suche. Ulrich Pester geht es um den andauernden Prozess, aus dem sich eigenständige bildhafte Formen herausbilden. Ideen für seine Sujets finden sich überall: in der alltäglichen Auseinandersetzung mit Film und Internet, aber auch eigene Zeichnungen oder Beobachtungen im Alltag können zum Ausgangspunkt für seine Arbeiten werden. In banalen Dingen verborgenes Bildpotential entwickelt über subtile Wendungen während des Malprozesses eine Eigendynamik und Autonomie. Handwerklich überzeugen seine Arbeiten durch eine formale Klarheit. Weit davon entfernt, sich auf einen Stil oder eine Methode festzulegen, findet Pester auf seinen malerischen Erkundungen immer wieder zu neuen Ansätzen. Entsprechend abwechslungsreich und überraschend sind seine Bildfindungen auch wieder in seinen neuen Arbeiten. Neben abstrakten, figurativen und zeichnerischen Sujets sind seine Motive Tromp-l’œil-Effekte, kunsthistorische Referenzen, ironische Wortspiele oder feinsinnige Bildwitze.

LEIF TRENKLER (1960, Wiesbaden)
Leif Trenkler zählt zu den ersten Vertretern der Neuen Figuration in Deutschland und prägte diese Strömung zeitgenössischer Kunst durch seinen charakteristischen Stil mit. Seine realistische Malerei hält Momentaufnahmen fest. Die oft knallige Atmosphäre seiner Arbeiten entwickelt dabei ganz eigene Anregungen für die Sinne, ganz so wie man Pflanzen am Abend oder das frisch geschorene Gras am frühen Nachmittag geradezu riechen kann. Auch wenn sich die Malerei des 1960 in Wiesbaden geborenen Künstlers motivisch im Hier und Jetzt verorten lässt, bilden seine Gemälde deutliche Referenzen an vergangene Epochen der Malerei. Es ist insbesondere die Konfiguration aus Farbe, Bildträger und stilistisch signifikanter figürlicher Malerei, die sein Interesse für weitaus ältere Vorbilder erkennen lässt. Ein feines Gespür für die Atmosphäre vor Ort ist in seiner Malerei ebenso evident. Trenkler stellt seine Staffelei jedoch nie im Freien auf. Er sammelt die Eindrücke, die er auf seinen Reisen macht, in seinem Gedächtnis. Der Fotoapparat assistiert ihm dabei. „Malerei folgt ganz eigenen Gesetzen. Da geht es um Farbigkeit, um Farbverläufe, um Dramaturgie und Komposition. Wie passt ein Rosa zu Orange, welches Gewicht hat ein Tropfen Gelb gegenüber einer 30 Zentimeter großen Fläche in Dunkelgrün, und wie steht das alles im Verhältnis zum Menschen oder zur Architektur oder zur Landschaft?“.
 
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JOELLE DUBOIS (1990, Gent)
Dubois' works illuminate the downsides of digital culture with irony and pragmatism. The exposed scenes of a society that reflects itself in the latently narcissistic self-portrayals of others revolve around sexuality, loneliness and self-reflection. Dubois addresses this complex of topics in an ironic and comical way with passion in her works. She depicts her protagonists exposed and unadorned with a drastic realism that is often very distorted and embellished in the digital world. In all of this, she herself is a silent observer and watches the world in her own display of an idiosyncratic perfectionism. In the picture narratives, the voyeuristic view of intimate moments shows truthfulness, the nudity of the characters makes them deeply vulnerable. But the ubiquitous occupation of the people shown with their smartphone or similar tools makes their aura pulsate between ignorant obsession and the saddest apathy.
 
JULIA JANSEN (1972, Bonn)
Julia Jansen's paintings are pictures of pictures. With deliberately placed, visible brush strokes that clearly expose the painterly medium, Jansen draws less attention to the depicted object, but rather refers to the form of media representation. The motifs shown are quickly named and have no iconographic value. Instead, numerous variations of a subject show Jansen's interest in formal questions. Blurred, as viewed through a milky window or a misted mirror, the objects, whose soft contours also suggest the imprecise focus in photography, are alienated by various, overlapping painting styles. Jansen's sovereign technique explores the fine line between reality and appearance. Instead of focusing on the visible reality and its concrete manifestations, Jansen emphasizes the effects on the sense of sight and thus the influences on the perception associated with conveying the image.

ANYA JANSSEN (1962, NL)
The question of how human beings relate to themselves and their environment , and of what determines their development, is a recurring theme in the work of Anya Janssen. In “The House” Anya Janssen distorts a linear experience of time. She lets the past coincide with the present and by doing so she tells the tale of a house. The place itself is characterized by a turbulent and long history. Janssen accepted the idea that memories and events are bound to physical places. Janssen's work tells stories through impressions. In a series of narrative paintings and drawings, she achieves a very close, direct relationship to her subject. The painted objects, bodies and places are given a simmering tension below the painterly surface. Her meticulous style allows her to fill lifeless objects with a balanced sense of both whim and resignation. By using distortion, transparency and an alienating light, Janssen translates reality and all its facets to the canvas.

MICHAEL KALMBACH (*1962, Landau)
The starting point of Michael Kalmbach's images is a collection of undefined, large-scale blobs. Kalmbach drips and sprinkles colored water in a random manner on damp sheets of paper, the excess liquid accumulating in puddles, so that during the drying process deposits of pigments coagulate into islands of color of different intensities. This irregular, flesh-colored stain rug is the amorphous breeding ground from which the visual worlds of Michael Kalmbach originate. The untamed all-over gets structured, arrangements of physiognomic features and body parts make faces and shapes recognizable. Fairytale-like scenarios emerge, populated by dreamy, rapt boys. Their figure is often only hinted at, seams to appear as a shadow on the surface due to the liquid contour, in order to immediately blur again, to unite with another curve.

STEPHAN MELZ (*1959, Basel)
The small-format paintings of Stephan Melzl have an exquisite coloring, the intense luminosity of which comes from a slow, glazing application of paint. Melzl applies himself to painting according to a design drawing that structures the picture surface like a first scaffold. From his concentrated observation of the layers of light and transparent color tones, the picture results. Melzl's masterful technique makes everything possible, it causes the harmonious coexistence of disparate elements in the picture and creates a reality in which contradictions appear harmonious and the logic of the dream condenses the levels of action. This beautiful appearance, which unifies everything, is sometimes anarchic. Melzl often takes on important individual works or traditional pictorial formulas from art history and supplements the quotation with motifs from a completely different context. The discrepancy between elegant painting and the sometimes-bizarre subjects presented, between perfect form and enigmatic content, creates the peculiar tension inherent in Stephan Melzl's paintings.

ULRICH PESTER (*1980, Hannover)
Search is at the center of his artistic act. Ulrich Pester is concerned with the ongoing process from which independent pictorial forms emerge. Ideas for his subjects can be found everywhere: in everyday engagement with film and the Internet, but also his own drawings or everyday observations can become the starting point for his work. Image potential hidden in banal things develops its own dynamic and autonomy through subtle twists during the painting process. His work impresses with its formal clarity. Far from committing himself to a style or a method, Pester always finds new approaches in his painterly explorations. His image inventions in his new works are correspondingly varied and surprising. In addition to abstract, figurative and graphic subjects, his motifs are tromp-l'œil effects, art historical references, ironic puns or subtle visual jokes.

LEIF TRENKLER (*1960, Wiesbaden)
Leif Trenkler is one of the first representatives of the new figuration in Germany and shaped this direction of contemporary art with his characteristic style. His realistic paintings capture snapshots. The often-loud atmosphere of his work develops its own stimuli for the senses, just like you can smell plants in the evening or the freshly sheared grass in the early afternoon. Even if the paintings by the artist, who was born in Wiesbaden in 1960, can be located in the here and now, his works form clear references to past epochs of painting. It is especially the configuration of color, pictorial medium and stylistically significant figurative painting that shows his interest in far older models. A fine feeling for the atmosphere on site is also evident in his paintings. Yet Trenkler never sets up his easel outdoors. In his memory he collects the impressions he receives on his travels. The camera assists him. “Painting follows its own laws. It's about color, gradients, dramaturgy and composition. How does a pink match orange, what weight does a drop of yellow have compared to a 30-centimeter surface in dark green, and how does all this relate to people or to architecture or the landscape?


Knstler:
Joelle Dubois / Julia Jansen / Anya Janssen / Michael Kalmbach / Stephan Melzl / Ulrich Pester / Leif Trenkler