Benjamin Houlihan

Victor Stuhl

06.09.19 bis 05.10.19

VERNISSAGE: 06. September 2019, 18 - 22 Uhr

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Mitunter wurde die idealtypische Geschlossenheit der Form in der Kunst brutal aufgebrochen. Avantgardistische Bewegungen wie Kubismus, Dadaismus und Surrealismus trieben den Bruch mit dem herrschenden Kanon und der ästhetischen Konvention voran, aus dem die befreite, jedoch zugleich fragmentierte, zersplitterte Form hervorging.

Den jüngsten Werken von Benjamin Houlihan liegt weniger ein emanzipatorischer, gar provokativer Akt zugrunde, sondern vielmehr die konzentrierte Beschäftigung mit Gestaltungsprinzipien und formalen Möglichkeiten. Die Auseinandersetzung mit den einstigen Idealen von Einheitlichkeit und Vollkommenheit, Symmetrie und Schönheit erfolgt spielerisch und dient dazu, die Brüchigkeit der Form bzw. Figur in ihrer Vielseitigkeit auszuschöpfen.
Für die in der Ausstellung gezeigten Skulpturen und Zeichnungen orientiert sich der Künstler am Prinzip des Klappbilderbuchs, dessen Seiten – versehen mit Abbildungen von Tieren oder Menschen in typischer Haltung und Tracht – in einzelne Abschnitte zerteilt sind. Durch das getrennte Umblättern werden die jeweiligen Körperpartien der dargestellten Figuren, und damit ihre distinktiven Merkmale, durchmischt und neu kombiniert. Schräge, nicht mehr eindeutig identifizierbare Formfindungen bzw. Mischwesen entstehen.
Entsprechend falzt Houlihan ein Blatt Papier in gleichgroße Abschnitte, die er umklappt und mit zeichnerischen Mitteln ausfüllt, wobei diese uneinheitlichen Setzungen durch eine übergeordnete Idee von Form oder Figur lose zusammengehalten werden. In solchen Fällen folgt der Künstler zwar einem gedanklichen Bild von einem Stuhl, einer Banane, einem Heizkörper, einem Gesicht oder einer Vase, jedoch ist die Gliederung der Zeichnung losgelöst von einem logischen Aufbau der jeweiligen Form/Figur. Stattdessen ist die Komposition durch die Falttechnik und damit die Aufteilung in einzelne Felder bestimmt. Diese Segmentierung bewirkt die Loslösung der einzelnen untergeordneten Einheiten aus dem geschlossenen formalen Gesamtzusammenhang, zumal sich auch der zeichnerische Vorgang in einzelnen, mitunter zeitlich versetzten, Schritten vollzieht: Der Stift wird in jedem Abschnitt neu angesetzt, die Linie an der Knickkante aufgehalten, der Strich kommt zum plötzlichen Ende. Sprünge entstehen, wodurch das einheitliche bzw. ganzheitliche Bild unterbrochen wird und in Formfragmente zerlegt erscheint.
Zur weiteren Verfremdung und fragmentarischen Anmutung der einzelnen Partien tragen auch die verwendeten stilistischen Mittel bei. Ein Gesicht ist in vier Segmente unterteilt, die - obgleich allesamt zeichnerisch - vollkommen verschiedenartige künstlerische Darstellungsarten vorführen. Während das Haupthaar mit sparsam und sorgfältig nebeneinander gesetzten Strichen in Bleistift gezeichnet ist, sind die darunter gelagerten Augenhöhlen in tiefschwarzer Tusche lavierend ausgeführt. Ein Abschnitt weiter stellt sich die stark abstrahierte Kinnpartie als Netzwerk aus hellen Kurven dar, umgeben von dichten Grafitschraffuren. Als zarte, gleichsam angedeutete Grafitspuren offenbaren sich die Kontur des Halses und der Ausschnitt eines Rundhalsshirts.
Im abrupten Wechsel zwischen zweidimensionaler und dreidimensionaler Darstellung koexistieren divergierende Formauffassungen auf einem Blatt: Rein grafische Partien treffen übergangslos auf plastisch modellierte oder auf flächig verdichtete Zonen.
Stuhl, Banane, Heizkörper, Gesicht und Vase erscheinen durch diese spielerische Kombinatorik unvereinbarer Gestaltungsweisen, die zwischen Abstraktion und Figuration changieren, grundsätzlich uneinheitlich.
Auch die Skulptur einer Banane ist zwar aus einem Guss, dennoch wurde der Zinnabguss von vier zusammengesetzten Stücken unterschiedlicher Bananen gefertigt – allerdings unter Beibehaltung der natürlichen Ordnung der Abschnitte. Diese vier gegeneinander verschobenen, verrutschten Teilstücke sind in einem prekären Balanceakt vereint, slapstickhaft ringen sie um Gleichgewicht. Mit einem verschmitzten Augenzwinkern scheint Houlihan bildhauerische Überlegungen zu Statik und Stabilität, sowie ein symmetrisches Austarieren zu parodieren.

Zwar fügen sich disparate Elemente in einer Zeichnung oder Skulptur zusammen, die offensichtliche Brüchigkeit der Gestalt bleibt jedoch bestehen. Nicht die Summe ihrer Bestandteile ergibt die Identität der neuen Kreation, die mit sich keinesfalls identisch sein kann, besteht sie doch aus einer heterogenen Ansammlung von Versatzstücken.
Wie bei den hybriden Gestalten der Klappbilderbücher wohnt auch den bildnerischen Erzeugnissen von Houlihan eine diskrepante Natur inne. Diese groteske – an Frankenstein gemahnende – Vielheit wird durch die forcierte Einheitlichkeit der Gestalt nicht überwunden.
Es geht also hier nicht um die Zerlegung eines Gegenstands und die Zusammenfügung der Einzelteile wie bei einem Puzzle, zur Wiederherstellung der verlorenen Einheit. Hier wird nichts repariert, keine weichen Übergänge geschaffen, Bruchstellen kaschiert. Die Dekonstruktion bleibt sichtbar, denn es geht hier vielmehr darum, den Gegenstand zu verrücken, um ihn besser zu sehen. Die Unvereinbarkeit der einzelnen Formabschnitte bedeutet die Veränderung des Blicks – die Beobachtung des Gegenstands, Abschnitt für Abschnitt. Während der Betrachtung kippt der Gegenstand und verschiedene Ansichten und Facetten kommen zum Vorschein. Ob frontal, seitlich, in Aufsicht, in Untersicht: Houlihan spielt mit den Dimensionen, springt zwischen den Blickwinkeln und Perspektiven hin und her. Letztlich zeigt sich in der Verschiebung der Wahrnehmung die Verwandlung des dargestellten Sujets im Auge des Künstlers – und des Betrachters.

(Bettina Haiss, 2019)


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Occasionally in the history of art, the idealistic coherence of form was brutally broken up. Avant-garde movements such as Cubism, Dadaism, and Surrealism promoted a break with the prevailing canon and the aesthetic conventions paving the way to a liberated, yet fragmented form.
 
Benjamin Houlihan's most recent works are based on design principles and formal possibilities rather than on an emancipatory, provocative act. The playful confrontation with the former ideals of unity and perfection, symmetry and beauty serve to exploit the fragility of the form or figure in their versatility. (...)
For the sculptures and drawings shown in the exhibition, the artist uses the principle of a folding picture book, whose pages - with illustrations of animals or people in typical posture and costumes - are divided into individual sections. By turning over the page the respective body parts of the figures, and thus their distinctive features, are being mixed and recombined. Odd forms and hybrids emerge, that are no longer clearly identifiable.
Accordingly, Houlihan folds a sheet of paper into sections of equal size, which he folds over and fills with drawings. These inconsistent settings are being held together by a superordinate idea of form. In these cases, the artist follows the mental image of a chair, a banana, a radiator, a face or a vase, but the outline of the drawing is detached from a logical structure of the respective shape. Instead, the composition is determined by the folding technique and thus the division into individual fields.
This segmentation causes the detachment of the individual subordinate units from the closed overall context, especially since the drawing process also takes place in individual, sometimes staggered, steps: The pen is newly positioned in each section, the line is stopped at the edge, the line comes to a sudden end. Breaks arise, interrupting the homogeneous image, breaking it down into formal fragments.
The individual parts are further alienated and fragmented by the stylistic means. A face is subdivided into four graphic segments, all of which show completely different artistic notions. While the hair is drawn in pencil with sparingly and carefully juxtaposed strokes, the eye caves underneath are executed in deep black ink. A further section shows the highly abstracted chin area as a network of bright curves, surrounded by dense graphite hatching. The contour of the neck and the neckline of a round necked shirt reveal themselves as delicate traces of graphite.
In the abrupt change between two-dimensional and three-dimensional representation, divergent conceptions of form coexist on one sheet: purely graphic parts merge seamlessly with plastically modeled or extensively compressed zones.
Chair, banana, radiator, face and vase are fundamentally inconsistent due to this playful combination of incompatible designs, which oscillate between abstraction and figuration.
Although the sculpture of a banana is made of one piece, the tin casting was made from four pieces of different bananas, however maintaining the natural order of the sections. These four mutually shifted, slipped sections are united in a precarious balancing act, slapstick-like battle for balance. With a mischievous wink, Houlihan seems to parody sculptural reflections on statics and stability, as well as symmetrical balancing.
Although disparate elements are being combined in a drawing or sculpture, the obvious unsoundness of the figure remains. It is not the sum of its components that gives identity to the new creation, which by no means can be identical to itself, since it consists of a heterogeneous collection of set pieces.
As with the hybrid figures of the folding picture books, the pictorial products of Houlihan also have a discrepant nature. This grotesque multiplicity - reminiscent of Frankenstein - cannot be overcome by the forced uniformity of the figure.

Accordingly, this is not about disassembling an object and putting the pieces together like a jigsaw puzzle to restore lost unity. Nothing is being repaired here, no soft transitions are being created, no cracks concealed. The deconstruction remains visible, as Houlihan’s practice is rather a matter of moving the object in order to get a better look at it. The incompatibility of the individual sections evokes the change of view - the observation of the object, section by section. During viewing, the subject tilts and different views and facets emerge. Whether frontal, sideways, in supervision, in sub-view: Houlihan plays with the dimensions, jumping back and forth between the angles and perspectives. Ultimately, the shifting of perception reveals the transformation of the depicted subject in the eye of the artist - and the viewer.

(Bettina Haiss, 2019)


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Benjamin Houlihan