Anna Lena Grau

16.01.21 bis 19.02.21

VERNISSAGE: Soft Opening: Freitag, 15. Januar 2021, 11-21 Uhr

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ANNA LENA GRAU
15. Januar – 19. Februar2021

Die Thomas Rehbein Galerie präsentiert die vierte Einzelausstellung der Hamburger Bildhauerin Anna Lena Grau.

Grau ist eine Meisterin des experimentellen Kunstgusses. Bereits seit über zwei Jahrzehnten entwickelt sie, geleitet von ihrer poetischen Vorstellung noch unrealisierter Formvorhandenheit oder eines Form-Möglichen, das “geschlossene“ Verfahren des Gießens weiter. Dabei bedarf bereits der mehrschrittige Prozess des traditionellen Handwerks eines hohen fachlichen Wissens und besonderer Kunstfertigkeit. Dient der Kunstguss im Allgemeinen dazu, über den Abdruck eines Gegenstandes einen weiteren und normalerweise identischen herzustellen, griff und greift Grau in die Zwischenstadien ein und verselbstständigt Teilschritte des Verfahrens, um den künstlerischen Spielraum zu erweitern. Spezifischer gesagt, um den Raum, der zwischen Form-Positiv und Form-Negativ liegt, als eigentliche und selbstständige Form zu ermöglichen.

Was liegt zwischen Form-Positiv und Form-Negativ?

In den “Packstücken“ ist die Figur der verlorenen Form (das Form-Negativ) selbst die eigentliche skulpturale Figur. Graus “Packstücke“ stellen die zerlegten Adjutanten der global reisenden Menschen dar – jedem Stück liegt die Abformung eines konkreten Koffers zugrunde. Die Reduktion auf klare, konkrete Elemente und das Fehlen jeglicher schmückenden Anteile, sprich, aller Zusätze, die nicht zwangsläufig zum Objekt gehören, rufen sowohl Tendenzen der Minimal-, als auch Pop Art in Erinnerung. Graus Koffer allerdings sind in ihrer Handlichkeit brüchig geworden und rau – wie in den Schichten seiner Oberfläche aufgeriebenes Schwemmgut. Es sind skulpturale Figuren, die ihre konkrete Gestalt, ihr Form-Positiv überschreiten oder entblättern und in die nächste Dimension des Juddschen „it is, what it is“, blind und tastend hineinfallen. So zeigt sich den Betrachter*innen an der Oberfläche der Figuren offensichtlich die “Befindlichkeit“ der Skulptur. Ihre Situativität, die sich als Kategorie des Raums, der Haptik, der Optik, ihres Gewichts und der gestaltlichen Form äußert.

„Bugs“, eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Anna Lena Grau und Julia Frankenberg, lässt mitunter aufgrund der vorhangartigen Aufhängung an Ketten, eine Wand voller Votivtafeln assoziieren. In oder auf Ihnen sind konkrete Abdrücke und Ausstülpungen zu sehen, von Händen, von bestimmten Handgesten und von quasi naiven Reliefformationen, die anmuten wie vorzeitliche Versteinerungen von Skeletten. Einzelne andere Tafeln lesen sich als Aufsprengen dessen, was die Grundlage der vorher identifizierten Formation dient: die vermeintlich flache/sichere Fläche. So ist eines der “Votiv“-Objekte beispielsweise ein Multiplikativum an Tafelflächen, und bei einem anderen endet die Rahmung als lose Linie.



Sind “Bugs“ in Aluminium veredelte Objekte, die mit dem Fetisch der Votivtafel spielen, manifestiert sich das mit ihnen Gelobte oder Versprochene (das Votum), als Ausbuchtung der lebendigen – oder auch toten Körperform. Körper, die ihre Gestalt in die weiche Fläche gedrückt haben, geknetet wurden oder eingedrungen sind. So sind “Bugs“ Etüden einer durchweg unheimlichen Vorstellung. Denn was würde passieren, wenn eine Tafel, ein Screen oder ein Handydisplay plötzlich plastisch und weich werden würde?

(Franziska Glozer, 2020)


Knstler:
Anna Lena Grau